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19. Newsletter „Rassismuskritische Migrationspädagogik“

Spätestens „nach Köln“ hat die Werteerziehung auf allen Ebenen Hochkonjunktur. Nun hat die Diskussion wieder einen neuen Höhepunkt erreicht. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien erst zum normalen Schulunterricht zulassen, wenn sie Sprach- und Wertekurse bestanden haben.

Zur Begründung erklärte er, dass viele Menschen verunsichert seien. Viele Eltern sorgten sich um die Bildungschancen ihrer Kinder. „Wir sind tolerant gegenüber anderen Religionen, bei uns gilt Religionsfreiheit“, betonte Söder. „Aber jeder, der zu uns kommt, muss sich unseren Werten, Sitten und Gebräuchen anpassen und nicht umgekehrt. Bayern ist christlich-abendländisch geprägt mit jüdischen und humanistischen Wurzeln.“ In der weiteren Begründung positioniert er sich auch insbesondere gegen Antisemitismus, und nimmt explizit Bezug auf die Debatte auf den islamistischen Antisemitismus (zitiert nach migazin).

Die Folgen dieser Debatten auf den politischen wie auch auf den fach-pädagogischen Diskurs im Land sind aus verschiedenen Gründen sehr bedenklich.

In einem so formulierten Diskurs über Werte werden angeblich christliche und humanistische Werte als konstituierend für die Gesellschaft konstruiert, die faktisch – gerade in der Migrationspolitik, aber auch in vielen anderen Bereichen – alles andere als handlungsleitend für diese Gesellschaft und eine beachtliche Zahl ihrer Mitglieder sind. Einer Gesellschaft, die im Gegenteil, die mit Erfolg belohnt, die sich am skrupellosesten über diese Werte hinwegsetzen.

Auch Jugendarbeit und Schule müssen eher daran erinnert werden, dass sie Werteerziehung nicht mit Verwertungserziehung verwechseln. Immer mehr orientieren sich pädagogische Programme und sozialpädagogische Praxis an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes anstatt einer Idee von einem guten Leben für alle. Was hat einen Wert? Wer hat einen Wert? Welche Rolle spielen die unschätzbaren Werte, das nicht Verwertbare? Ich empfehle hier einen Besuch auf der Website unseres unschätzbar wertvollen Kooperationspartners, der Agentur für unschätzbare Werte (www.unschaetzbare-werte.de).

Sollte die Pädagogik sich lieber ganz aus der Werteerziehung ganz heraushalten? Oder gilt es eher, eine Werteerziehung konzeptionell und praktisch weiterzudenken, die sich dem politisch von vielen Seiten formulierten Auftrag einer deutschen oder europäischen Leitkulturperspektive widersetzt und sich weigert, Diskriminierungsverhältnisse dadurch zu dethematisieren, dass sie die Verletzung der Menschenwürde ausschließlich als Thema der ‚Anderen‘ darstellt? Eine Werteerziehung also zu denken, die stattdessen ausgehend von den bestehenden Ungleichheitsverhältnissen das demokratisch verbriefte, aber immer wieder durchzusetzende Recht auf Gleichbehandlung und Menschenwürde zum Thema macht. Eine Werteerziehung, die allen Jugendlichen die Menschenrechte, aber auch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) bekannt macht und damit sichtbar macht, dass es in diesem Land prinzipiell das Recht gibt, sich gegen bestimmte Formen von Diskriminierung zur Wehr zu setzen. Die darauf besteht, dass in diesem Land eine gesellschaftliche Idee von Chancengleichheit gibt, die man aber immer wieder erkämpfen und einklagen muss, weil die Realität eine ganz andere ist.

Der Vorstoß von Söder ist aber auch aus einem anderen Grund problematisch. Eine berechtige Kritik eines islamistischen Antisemitismus darf weder dazu missbraucht werden, vom offenen und latenten Antisemitismus in breiten Teile der Gesellschaft abzulenken, noch dazu, Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Pädagogische Aufgaben sind vielmehr, den Antisemitismus an allen Orten zum Thema zu machen und den antimuslimischen Rassismus zurückzuweisen. Saaba-Nur Cheema hat dazu in dem Band „Fragiler Konsens: Antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft“ von Meron Mendel und Astrid Messerschmids einen lesenswerten Beitrag geschrieben. Sie wird gemeinsam mit Sindyan Qasem dazu auch bei einer Tagung am 7.6. in Tübingen sprechen, bei der es um die Gefahren der Reproduktion des antimuslimischen Rassismus geht, wenn die Jugendsozialarbeit nun immer mehr in der Präventionsarbeit gegen religiös begründeten Extremismus eingebunden wird (Ankündigung in diesem Newsletter).

Auf politischer Ebene weist der „Fall Söder“ –  wie hier in Tübingen in anderer und doch ähnlicher Weise der „Fall Palmer“ –  auf eine andere gefährliche politische Strategie der sogenannten politischen Mitte hin. Beide glauben den Rechtspopulismus zu bekämpfen, indem man die aus diesen Kreisen vorgebrachten Ängste ernst nimmt und in den politischen Programmen den Rechtspopulisten dadurch das Wasser abgräbt, dass man immer weitere Teile ihrer Forderungen übernimmt. Dass dies nach hinten losgeht, liegt auf der Hand. Wirksamer könnten die Rechtspopulist*innen gar nicht sein, als wenn andere ihr Geschäft verrichten.

Es soll hier gar nicht diskutiert werden, ob Söder oder Palmer oder …. selbst daran glauben, oder nicht. Sie interessieren uns hier weniger als Person, als in der von ihnen pointiert formulierten aktuell gesellschaftlich wirksamen Position. Uns muss interessieren, wie dieser Diskurs sich auch auf Akteur*innen in Pädagogik und politischer Bildung auswirkt. Wie sich – diese Frage kann sich jede*r selbst stellen – das Denken schleichend verschiebt, wie politische Entwicklungen, wie von Adressat*innen oder Kolleg*innen vorgebrachte Positionen hingenommen werden, denen man noch vor nicht zu langer Zeit deutlich widersprochen hätte.

Neben dieser Diskursverschiebung wirkt auch immer mehr der Druck der Rechtspopulisten selbst. Sie haben nun, nachdem sie in immer mehr Parlamenten sitzen, mit unglaublich gewachsenen Personalkapazitäten genug Zeit, eine menschenrechtsorientierte Pädagogik an Schulen, in Jugendhäusern, in der politischen Bildung auch direkt anzugreifen.

Erst diese Tage erreichte uns wieder eine Nachricht von einem Netzwerkmitglied, der persönlich von der AfD an den Pranger gestellt wurde. Anderswo werden von der AfD Schulveranstaltungen angegriffen, in denen die SMV sich gegen die AfD stellt, oder gegen schulinterne Veranstaltungen vorgegangen, bei denen Informationen aus der Lehrer*innenschaft gekommen sein müssen.

Mitarbeiter*innen in Institutionen sind immer häufiger beschäftigt, Anfragen der AfD zu beantworten, die einfordern, sich nicht nur gegen Rechtsextremismus zu wenden, sondern in gleicher Weise gegen Linksextremismus. All das hinterlässt Spuren. Und genau hier braucht es solidarische Netzwerke, in denen wir uns gegenseitig den Rücken stärken, und wenn wir nur, wie Kübra Gümüsay gefordert hat, nicht vergessen uns zu sagen, dass die Arbeit die wir tun, wichtig und richtig ist. Und es braucht Räume der Reflexion, in denen wir auf uns aufpassen, dass sich das Gift nicht – ohne dass wir es merken – in unseren Köpfen breit macht.

Organisiert euch, gerne bei uns, aber am besten Vor Ort. Alleine wird es nicht gehen.

Wir hoffen, Sie mit der Zusammenstellung von Materialien und Terminen in diesem Newsletter in der Arbeit unterstützen zu können.

In diesem Sinne mit den besten Wünschen,

Andreas Foitzik und Sabine Pester

Download 19. Newsletter „Rassismuskritische Migrationspädagogik“ – April/Mai 2018:

PDF-Datei (519,5 KB)

Im letzten Newsletter haben wir etwas voreilig verkündet, dass unser Netzwerk in den Tübinger/Reutlinger Verein „Netzwerk Antidiskriminierung“ aufgenommen wird und dort eng zusammen arbeiten wird, mir einem in Gründung befindlichen Institut. Das alles stimmt auch noch, nur haben sich Strukturen und Vereinsnamen unerwartet nochmal geändert.
Der Verein hat sich angesichts der im letzten Jahr neu entwickelten Strukturen und nun übernommenen Aufgaben umbenannt und heißt nun adis e.V. – Antidiskriminierung · Empowerment · Praxisentwicklung.
In diesem Newsletter findet ihr die Einladung zu zwei Kick- off Veranstaltungen des Vereins, an der Ersten mit Annita Kalpaka und Mai-Anh Boger ist das Netzwerk selbst beteiligt.