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Sondernewsletter Hanau, Ägäis, Corona

Liebe Kolleg*innen und Freund*innen,

vielleicht ist es nur, um einen Umgang zu finden mit der eigenen Ohnmacht angesichts von Ereignissen, die einen fassungs- und sprachlos zurücklassen. Angesichts der unvorstellbaren Trauer derer, die in Hanau ihre Kinder, Geschwister, Partner*innen, Freund*innen verloren haben. Angesichts der zunehmenden Angst von Freund*innen und Kolleg*innen nach diesem brutalen rassistischen Mord. Angesichts der fast schon zynischen und verlogenen Halbwertszeit der Empörungsrituale in der Politik. Aber auch angesichts des Briefes eines Arztes aus der Gegend, der gerade in Lesbos arbeitet und beschreibt, wie sie zusehen müssen, wie immer mehr NGOs zurückweichen vor den Faschist*innen, die auch das Gelände in Brand setzten, auf denen die Klinik steht. Angesichts dessen, wie Geflüchtete zum Spielball der Politik, zur Verhandlungsmasse in Deals werden. Angesichts von 20.000 Toten im Mittelmeer in den letzten 6 Jahren, jeden Tag zehn Menschen. Nun aber auch angesichts dessen, dass man an den Grenzen die Menschen nicht mehr „nur“ sterben lässt durch unterlassene Hilfeleistung, sondern auch noch auf sie schießt. Angesichts des ausbleibenden Aufschreis Europas. Und vielleicht ist das neben diesen Bildern der Barbarei unangemessen dies hier zu erwähnen, aber auch angesichts dessen, was unsere Kooperationspartner aus einem chinesischen Verein alltäglich im weltoffenen Tübingen an rassistischen Diskriminierungen und Anfeindungen erleben.

Angesichts dieser Zeiten haben wir das erste Mal beschlossen, einen Sondernewsletter zu den drei Themen „Hanau“, „Ägäis“ und „Corona“ herauszubringen. Sie stehen in diesen Tagen und auch in diesem Newsletter für sich und sind doch auch miteinander verwoben. Der zunehmende Rassismus wird mit dem Verweis auf die begrenzte Aufnahmefähigkeit der Bevölkerung als Begründung angeführt, dass sich 2015 nicht wiederholen soll. Es war ein Neonazi, der in Hanau geschossen hat und es sind Neonazis, die nun aus ganz Europa nach Griechenland fahren, um „ihre“ Außengrenze zu verteidigen. Weltweit werden Geflüchtete mit am meisten betroffen sein, wenn sich der Corona-Virus ausbreitet. Hier werden Menschenansammlungen über 1000 Menschen zunehmende verboten, in Moria sind 20.000 Geflüchtete auf engstem Raum mit katastrophalen hygienischen Verhältnissen „zusammengesperrt“. In den Diskriminierungen, die Menschen mit zugeschriebenem „asiatischen“ Aussehen, immer mehr erleben, wird sichtbar, dass ein Rassismus gegen diese „Gruppe“ offenbar „bereitlag“ und jederzeit – gefördert von einer reißerischen Berichterstattung – mobilisiert werden konnte. Nicht auszudenken, wenn bei einer möglichen Ausbreitung des Virus in Flüchtlingscamps oder in afrikanischen Herkunftsländern „Geflüchtete“ als Ursache des Virus phantasiert werden können.

Gedicht Thomas GsellaEine andere Lehre aus Corona hat Thomas Gsella gezogen. Was sich in den letzten Wochen wie im Brennglas vollzieht, ist kein Schicksal. Es ist die Folge einer Politik zugunsten weniger und zu Lasten vieler. Die Welt derer, die in ganz unterschiedlichem Maße profitieren, will das so. Aber – und das verschweigt er angesichts der Katastrophe – die Welt ist eben nicht nur die Welt der Profiteure.

Und so hoffen wir mit den in diesem Sonder-Newsletter versammelten Stimmen der Vernunft all jenen etwas an die Hand zu geben, die die Menschenrechte und die Solidarität gegen die Barbarisierung der Welt verteidigen wollen. Es ist höchste Zeit.

Der notwendige rassismuskritische Aufstand ist eine zutiefst menschliche und politische Aufgabe. Es ist aber auch die Grundbedingung jeder pädagogischen Bemühung.

Mit besten Grüßen

Andreas Foitzik und Sabine Pester

Netzwerk rassismuskritische Migrationspädagogik Baden-Württemberg

 

Download Sondernewsletter Hanau, Ägäis, Corona, „Rassismuskritische Migrationspädagogik“ – März 2020:

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